Cannabis macht doch (nicht) süchtig?! |
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Kantakukuruz |
Unter diesem Titel fand am 24. Januar 2005 in der Stadthalle Usingen im Taunus eine Vortragsveranstaltung mit Professor Rainer Thomasius statt, zu der auch ich mich aufgemacht habe und euch hier einen Exklusivbericht präsentiere. (Vgl. http://kiffer.net/cannabis/aktuell/presseschau#491)
Prof. Thomasius ist der kiffenden Öffentlichkeit als Leiter der Drogenambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg bekannt geworden. Das ist derzeit die einzige derartige Einrichtung, die sich ausschließlich um junge Patienten kümmert, die Probleme wegen ihres Cannabiskonsums bekommen haben. Als Chef dieser Abteilung wurde z.B. in dem auch hier heiß diskutierten Spiegel-Bericht "Die Seuche Cannabis" zitiert, was ihm in Konsumentenkreisen den Ruf eines Cannabisgegners eingehandelt hat. Somit hatte ich also mit einer Veranstaltung gerechnet, bei der Panikmache der alles bestimmende Ton ist - und wurde, soviel sei schon jetzt erwähnt, positiv überrascht. Eingeladen hatte der Elternbeirat einer Usinger Schule in Verbindung mit der Sucht- und Drogenberatung des Hochtaunuskreises. So erklärt sich auch die Zusammensetzung des etwa 200 Leute zählenden Publikums: Viele Eltern schulpflichtiger Kinder in Begleitung derselben. Die jüngeren Schüler wirkten teilweise ein wenig wie mitgeschleppt, insbesondere die Fraktion der Kappenträger mit den tief hängenden Hosen. Munterer wirkte da die Reihe derer, die schon näher an der Volljährigkeit waren und die offensichtlich nicht ganz konsumunerfahren waren. Veranstaltungsort war die örtliche Stadthalle, genauer gesagt ein Saal, der sonst wohl als Turnhalle benutzt wird. Jedenfalls würde das die am Rand stehenden Turnmatten und -bänke erklären... Die Dame von der Suchthilfe sprach einige einführende Worte, auch über das Warum dieser Veranstaltung. Cannabis stehe im Mittelpunkt der Tätigkeit ihrer Einrichtung. Der Umgang mit diesem Thema sei von zu viel Sorglosigkeit auf Grund von fehlender Information geprägt. Und Information sei nun mal einer der wichtigsten Dinge in der Drogenprävention. Nachdem Prof. Thomasius kurz vorgestellt worden war, ging das Mikro an ihn. Absicht seiner Ausführungen, so Thomasius, sei es, die Zuhörer mit dem "State of the Art" der medizinischen Erkenntnisse in Sachen Cannabis vertraut zu machen. Es ging mit Zahlen und Statistiken los. Deutlich wurde, dass es unbestreitbar eine Zunahme der Cannabiskonsumenten gibt, dass das Alter, in dem zum ersten Mal konsumiert wird, sinkt und die Zahl derer, die sich wegen cannabisbedingten Problemen in Behandlung begeben, steigt. Thomasius sieht es als erwiesen an, dass Cannabis psychisch und körperlich abhängig machen kann. Ganz klar erkennt er aber an, dass nicht jeder Cannabiskonsum problematisch sein muss. Das größere Problem sei ganz klar der Alkoholmissbrauch. Er erkenne einen wesentlichen Zusammenhang des Einstiegsalters und der Abhängigkeitsentwicklung. So liegt die Spitze der Kurve der Abhängigen bei einem Konsumbeginn um die 12-14 herum. Auffällig sei, dass sich das Alter, in dem zum ersten Mal Alkohol konsumiert wird immer näher an den ersten Joint heranrückt. Vor einigen Jahren lagen da statistisch noch einige Jahre dazwischen, heute fände das annähernd zeitgleich statt. Auch gäbe es unter dem "Nachwuchs" immer mehr Kiffer, die gleichzeitig viel Alkohol zu sich nähmen. Wer wird nun von Cannabis abhängig? Früher, so Thomasius, nahm man noch an, dass Abhängigkeit genetisch bedingt sei, sich also in bestimmten Familien häufe. Mittlerweile gehe man davon aus, dass eine Reihe von Risikofaktoren dazu kommen müsse: Verhaltensstörungen wie Neigung zu Gewalt oder auch auffällige Zurückgezogenheit. Der Anteil der Problemkonsumenten mache allerdings nur ca. 10% aus. Der Rest stelle den Konsum nach einer Weile ein oder finde ein geregeltes Maß. Von einer Abhängigkeit müsse bei ca. 4-7% der Konsumenten ausgegangen werden (In Australien und den USA liege die Zahl deutlich höher, nämlich bei 15-22%). So eine Abhängigkeit zeichne sich durch Kontrollverlust, körperlichen Entzugssymptomen, Dosissteigerung sowie soziale und berufliche Einschränkungen aus. Folgen exzessiven Konsums auf die Psyche seien das "Amotivationale Syndrom", Angstsymptome und schizophrene Krankheitsbilder. Thomasius schränkt hier aber ein, dass noch unklar ist, "ob zuerst die Henne oder das Ei da war". Schizophrenie durch Cannabismissbrauch sei zwar ein "Riesenproblem", doch werde niemand durchs Kiffen schizophren, der kein "biologisches Fundament" mitbringt, auf dem sich eine Schizophrenie entwickeln kann. Zahlreiche seiner Patienten seien Mischkonsumenten. Soweit es sich dabei um Konsum von hirnschädigenden Substanzen wie Extasy handelt, haben diese Leute ein doppeltes Problem. Die größte Gefahr gehe vom Cannabiskonsum aus, wenn dieser vor oder mitten in der Pubertät stattfindet. Denn wer hier dauerbekifft ist, hindere sein Gehirn an der Persönlcihkeitsentwicklungen und lerne eine Reihe von Fähigkeiten nicht, die der erwachsene Mensch zur Bewältigung seines Alltages braucht. Ein weiteres Problem sei es, dass die wenigsten Therapieeinrichtungen auf die Bedürfnisse von jungen exzessiven Kiffern abgestimmt sind. So seien Konzepte, die bei älteren Alkohol- oder Opiatabhängigen sinnvoll sind, für Cannabispatienten oft sogar schädlich. Hier gäbe es dringend Nachholbedarf. So weit das Referat von Prof. Thomasius. Es schloss sich eine Fragerunde an. Angesprochen auf eine wünschenswerte Veränderung der Statistik, meinte Thomasius, dass das durchschnittliche Einstiegsalter wieder steigen müsse. Eine echte Gefahr sei das Kiffen für Kinder und Jugendliche. Wer mit 18-20 damit anfange, habe schon eine so weit entwickelte Persönlichkeit, dass ein kontrollierter und risikoarmer Konsum betrieben werden könne. Als Grund für die immer jüngeren Kiffer nannte er einen Wandel bei Konsumverhalten und Werteinstellungen, fehlende Aufklärung und eine Gesellschaft, die oft nur noch auf Leistungsdenken setze. Ein Teilnehmer fragte, ob denn nun Cannabis oder Alkohol schlimmer sei. Thomasius spricht sich hier für eine gleichwertige Betrachtung der beiden Substanzen aus, was auch für die Politik gelten müsse. Allerdings präsentiert sich Thomasius als ein Gegner einer Cannabis-Legalisierung. Es sei eben eine Droge mit einer Reihe von Gesundheitsrisiken, die nicht auf den freien Markt gehöre. Das gelte aber an sich ebenso für Alkohol und Nikotin. Dass diese nicht im BtmG aufgeführt sind, findet auch Thomasius ungerecht, das läge aber an der gesellschaftlichen Stellung dieser Drogen. Im Rahmen der "Fragestunde" stellte Thomasius noch einmal klar, dass seine (teilweise erschreckenden) Ausführungen immer von einem übermäßigen Cannabismissbrauch ausgehen. 90% der Konsumenten hätten diese Probleme nicht - und ein mäßiger Konsum ("ein Joint pro Abend") müsse Eltern nicht in Panik versetzen. Vorausgesetzt, die Kinder sind wenigstens um die 16. Bei Kindern unter 14 sei auf jeden Fall jeder Joint bedenklich. Die im Saal anwesende Kifferfraktion hakte abschließend noch einmal beim Thema "Legalisierung" nach. (Ansonsten kam dieses Thema kaum vor, was aber auch nahe liegt, zumal Thomasius' Vortrag in erster Linie auf medizinische Aspekte einging.) Wie erwähnt - Thomasius ist ein Gegner der Legalisierung. Gleichzeitig lehnt er aber eine Kriminalisierung der Konsumenten klar ab. Weder sollen Kranke zusätzlich bestraft, noch maßvollle Konsumenten schikaniert werden. In der Regelung zum Umgang mit "geringen Mengen" sieht er einen brauchbaren Ansatz. Nachbesserungen seien aber nötig, was die Vielzahl unterschiedlicher Regelungen in den einzelnen Bundesländern angeht. Hier müsse im Sinne einer Vereinheitlichung gehandelt werden. Nun zu meinem persönlichen Kommentar. Zuerst: Professor Rainer Thomasius ist keineswegs ein "Kifferfresser" oder jemand, den man aus der Konsumentenperspektive als Feind betrachten müsste. Er hat seine eigenen Erfahrungen mit behandlungsbedürftigen Konsumenten gemacht und einige Untersuchungen herausgegeben, die einen seriösen und realistischen Eindruck machen. Seine klare Botschaft: Kiffen ist nichts für Kinder, genauso wenig wie Alkohol und Zigaretten. Und hier bin ich mit ihm ganz und gar einer Meinung. Gefallen hat mir auch, dass er bei der Vielzahl von zitierten Forschungergebnissen auch deren Grenzen aufgezeigt hat. Er hat nicht verschwiegen, dass man Vieles schlicht und einfach noch nicht ausreichend untersucht hat und dass manche neuen Forschungsergebnisse noch nicht ausreichend überprüft sind. Problematisch an seinen Ausführungen könnte sein, dass es schwer einzuschätzen ist, wie seine Botschaft bei besorgten Eltern ankommt. Hören diese wirklich den Hinweis, dass 90% der Konsumenten risikoarme Konsummuster aufweisen? Wobei man auch sagen muss, dass es nicht Prof. Thomasius' Schuld ist, wenn diese seine Worte durch selektive Wahrnehmung nicht wahrgenommen werden. Eine Frage der selektiven Wahrnehmung ist überhaupt, wie man Thomasius' Worte interpretiert. Der Spiegel hat das auf seine Weise gemacht, ich auf die meine. Auf jeden Fall war das ein erhellender Abend, den ich nun mit geregeltem und maßvollem Cannabiskonsum ausklingen lassen werde. Danke für die Aufmerksamkeit im Angesicht des langen Texts. |
[user:2511] |
Zwürfel in Dosen (III. Wahl) |
Danke
Auch ich wurde jetzt positiv überrascht und muss Thomasius zustimmen. Drogen sind nichts für Kinder/Heranwachsende. Einzig im Punkt Legalisierung vetritt er eine andere Meinung. Aber immerhin ist er konsequent, wenn er eine Aufnahme vn Alkohol und Nikotin ins BtmG befürwortet/befürworten würde.
Auch das zeigt, dass er mit Vernunft an das Thema herangeht. |
Baghira |
ich schließe mich den danksagungen an, klar und übersichtlich zusammengefasst, die wichtigen informationen aufgeführt ohne einer persönlichen einschätzung zu entbehren. danke dir.
besonders den abschnitt mit dem "biologische(n) fundament" kann ich- nach den erfahrungen, die ich und andere in meinem umfeld gemacht haben- unterschreiben. die individuelle persönlichkeit spielt eine große, wohl unterschätze rolle, die natürlicherweise gerade den jüngeren konsumenten nicht bewußt ist bzw. die sie gar nicht wahrhaben wollen. "wenn der kifft, warum ich dann nicht auch.." ich sehe in diesem punkt der persönlichen struktur mit eine der größten gefahren für die frühe abhängigkeit und langzeitlich schädigende folgen. deshalb sollten wir auch weiterhin großen wert auf prävention und aufklärung legen. prof. thomasius scheint mir da auch ein guter vorreiter zu sein. |
Hans Wurstsuppe |
Der erwähnte Spiegel-Artikel und dessen von mir gesichtete Rezensionen sorgten auch bei mir für große Antipathie gegenüber Prof. Thomasius.
Doch mittlerweile muss ich sagen, dass sich dieses Bild dank Die bekiffte Republik und diesem Bericht sehr gewandelt hat. Danke Kantakukuruz, wie immer top.
Dem stimme ich zu - ich würde das Hauptaugenmerk auf Kiff-Pausen legen und öfters dahin verweisen, statt mit Lass sein oder Warte mal noch 3 Jahre zu argumentieren. Regelmässige Pausen sind für mich das A und O eines relativ unproblematischen Konsummusters. Ich bezweifle irgendwie, dass sich User des k.nets, egal welches Alter und egal wie nötig, von uns zu einer Einstellung ihres Konsums bewegen lassen. Dass regelmässige Pausen nötig sind, nehmen sie uns dagegen eher ab, meiner Meinung nach wird dadurch auch die Hemmschwelle für härtere Drogen hoch gehalten. |
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